Saab 900

Die Älteren unter euch erinnern sich: Es gab Zeiten, da konnte man eine Automarke bzw. den Autotyp an der Form des Fahrzeugs erkennen. Bei eckigen Kombis wusste man immer, dass es ein Volvo war, einen VW Käfer, Porsche 911, Mercedes Benz /8 oder Citroën DS erkannte man schon als Silhouette am Horizont. Der Saab 900, der bis 1998 gebaut wurde, war ebenfalls ein optisch sehr markantes Auto. Als junger Mensch fand ich ihn hässlich, doch als ich 2000 Artdirector wurde, konnte ich mir kein schöneres und standesgemäßeres Fahrzeug vorstellen und wollte auch so eins haben. Mein Arbeitskollege Falk, ein lustiger und einfallsreicher Grafiker, hatte schon einen in Rot. Ich fand beim Autoscout24 einen gebrauchten in Schwarz, der gut zu sein schien. Das erkannte ich sofort an den hellbraunen Ledersitzen. Ich fuhr von Düsseldorf (wo ich arbeitete) nach Köln (wo das Auto abzuholen war) und unterwegs auf der A57 machte ich kurz Rast. Beim Händeabtrocknen fiel mein Blick auf das Schild des Handtrockners: Das Gerät war von der Firma Saaby Jørgensen. Das musste ein Omen sein! Und tatsächlich: Mit meinem neuen (alten) Saab habe ich viele tolle Abenteuer erlebt, zu 50 Prozent auf der Straße und zu 50 Prozent in der Werkstatt.

Der Saab ist längst auf dem Schrottplatz, doch neulich habe ich wieder so einen Handtrockner gesehen, und diesmal konnte ich ihn auch fotografieren. Was mir erst jetzt auffällt: seine Form erinnert sehr an den Saab. Ausgeprägte, eigenwillige Formen sind etwas Tolles, sie können den Produkten eine Seele verleihen. Da müssen wir wieder hin, liebe Gestalter, Designer, Formgeber!

Perfektes Design

Ein kleines Vogelnest auf dem Waldboden, geflochten aus Zweigen, Moos, Hunde- und Pferdehaaren, Kunststoff.
© Jörg Scholz 2019

Beim Gassigehen im Stadtwald haben wir dieses Vogelnest entdeckt. Die Vogelfamilie brauchte es anscheinend nicht mehr, denn es lag auf dem Boden. Meine Frau, meine Kinder und ich haben es als Kunstwerk der Natur bestaunt. Eigentlich ist es ein perfektes Designobjekt. Seine Gestaltung ist in erster Linie funktional: Es ist ca 10 Zentimeter im Durchmesser groß, bietet damit Platz für das ganze Gelege plus brütender Mutter. Es ist gut isoliert und schützt durch seine Bauweise vor Kälte und anderen Widrigkeiten der Natur. Verbaut wurde alles, was der Wald und seine Bewohner bzw. Besucher hergaben: Zweige, Moos, Wollfäden, Hunde- und Pferdehaare, Kunststoff … Upcycling in Reinkultur! Nachdem die Familie das Nest nicht mehr brauchte, hat sie es wieder der Natur zur Verfügung gestellt – ein Muster an Nachhaltigkeit. Obwohl die Vogelfamilie das wahrscheinlich nicht geplant hatte, ist das Nest auch wunderschön. Und so ist das mit der Schönheit von Dingen: sie entsteht automatisch, wenn die anderen Kriterien erfüllt werden. Und auch andersherum funktioniert das: schöne Dinge sind oft funktional und nachhaltig. So sollte die Arbeit eines guten Designers aussehen. Oder eines guten Architekten.

Vor Jahren habe ich mit meinem Freund Peter, der zu der Zeit noch Architektur studierte, an einem Wettbewerb teilgenommen. Es ging darum, Anzeigen für Architekten zu gestalten. Das Werbeverbot für Architekten wurde damals gerade gelockert und man suchte nach adäquaten Formen für die neue Werbefreiheit. Unser Konzept sah so aus, dass wir Bilder aus der Natur Gebäuden oder Gebäudeteilen gegenüberstellten, die diesen ähnelten. Eins davon war ein Vogelnest. Wir gewannen den Wettbewerb und damit 500 Mark. Und weil mir das schon mal Glück gebracht hat, beginne ich auch meinen neuen Blog mit einem Vogelnest.