Sketchnotes

Manchmal entdeckt man Dinge nicht im Internet, sondern auf die altmodische Art in der Stadtbücherei. So kam ich vor einiger Zeit zum Sketchnote Handbook von Mike Rohde, einem amerikanischen Designer (hier ein Kapitel aus dem Buch als PDF).

Für diejenigen, denen das Konzept der Sketchnotes noch nicht geläufig ist: Sketchnotes sind sowas wie visuelle Notizen, die man sich als Zuhörer/Zuschauer bei Vorträgen, Vorlesungen, Diskussionen usw. macht. Dabei fertigt man in seinem Notizbuch eine Mischung aus Stichpunkten, Zeichnungen, Piktogrammen und anderen Symbolen an und am Ende hat man eine Art Landkarte vom behandelten Thema. Das geht schneller, als sich reine Textnotizen zu machen, man fokussiert auf das Wesentliche und folgt dem Vortrag um so konzentrierter. Und es macht Spaß!

Ich glaube, Sketchnotes anzufertigen kommt der natürlichen Art, wie ein Mensch lernt, sehr nah. Dabei benutzt man nämlich nicht nur den Teil des Gehirns, der für alles rund um unsere Sprache zuständig ist, sondern auch den Bereich, der die Informationen visuell verarbeitet. Dinge, die man visuell im Gedächtnis abspeichert, kann man viel leichter wieder abrufen (das ist jetzt zugegebenermaßen etwas laienhaft ausgedrückt). Ich finde, dass diese Form der Mitschriften in Schulen gelehrt werden sollte und Schüler (und ihre Lehrer!) davon sehr profitieren würden. Aber nicht nur zum Aufzeichnen der Gedanken von anderen sind Sketchnotes geeignet, auch der eigene Denkprozess kann dadurch eine ganz neue Dynamik entfalten.

Ich bin nicht so der begnadete Sketchnoter, aber ich habe einmal das Experiment gemacht und einen Vortrag von Prof. Ingo Froböse besucht, den ich als Sketchnote aufgezeichnet habe:

Das hat wirklich richtig Spaß gemacht und ich konnte anschließend allein durch das Betrachten der Sketchnotes quasi den gesamten Vortrag rekapitulieren. Bei den besseren Sketchnotern sieht das Gesamtwerk viel homogener aus als bei mir (hier fehlt so ein bisschen der rote Faden). Schönere Beispiele von Sketchnotes findet ihr zum Beispiel bei Eva-Lotta Lamm. Es lohnt sich, das einfach mal auszuprobieren. Funktioniert auch bei Vorträgen, die ihr euch im Internet anschaut (z.B. bei TED).

Bienvenue à Malmedy

Kühe auf einer Weide
© Jörg Scholz 2019

Noch mal zum Thema Gassigehen. Über Ostern waren wir für ein paar Tage in den Ardennen. Das hübsche 12.000-Einwohner-Städtchen Malmedy liegt kurz hinter der deutsch-belgischen Grenze, 120 Kilometer von Köln entfernt. Normalerweise erschreckt sich unsere Hündin vor jeder Fliege, die ihren Weg kreuzt. Beim Spaziergang zwischen Kuhweiden erinnerte sich Nüssi plötzlich daran, dass sie vom Wolf abstammt, riss sich los und trieb bellend 14 Kühe über die Wiese, die kurz zuvor neugierig zu uns an den Zaun gekommen waren. Mir war das peinlich und ich war froh, dass der Bauer nicht in der Nähe war. Um das Erlebnis zu verarbeiten, habe ich die folgende Zeichnung angefertig.

© Jörg Scholz 2019

Saab 900

Die Älteren unter euch erinnern sich: Es gab Zeiten, da konnte man eine Automarke bzw. den Autotyp an der Form des Fahrzeugs erkennen. Bei eckigen Kombis wusste man immer, dass es ein Volvo war, einen VW Käfer, Porsche 911, Mercedes Benz /8 oder Citroën DS erkannte man schon als Silhouette am Horizont. Der Saab 900, der bis 1998 gebaut wurde, war ebenfalls ein optisch sehr markantes Auto. Als junger Mensch fand ich ihn hässlich, doch als ich 2000 Artdirector wurde, konnte ich mir kein schöneres und standesgemäßeres Fahrzeug vorstellen und wollte auch so eins haben. Mein Arbeitskollege Falk, ein lustiger und einfallsreicher Grafiker, hatte schon einen in Rot. Ich fand beim Autoscout24 einen gebrauchten in Schwarz, der gut zu sein schien. Das erkannte ich sofort an den hellbraunen Ledersitzen. Ich fuhr von Düsseldorf (wo ich arbeitete) nach Köln (wo das Auto abzuholen war) und unterwegs auf der A57 machte ich kurz Rast. Beim Händeabtrocknen fiel mein Blick auf das Schild des Handtrockners: Das Gerät war von der Firma Saaby Jørgensen. Das musste ein Omen sein! Und tatsächlich: Mit meinem neuen (alten) Saab habe ich viele tolle Abenteuer erlebt, zu 50 Prozent auf der Straße und zu 50 Prozent in der Werkstatt.

Der Saab ist längst auf dem Schrottplatz, doch neulich habe ich wieder so einen Handtrockner gesehen, und diesmal konnte ich ihn auch fotografieren. Was mir erst jetzt auffällt: seine Form erinnert sehr an den Saab. Ausgeprägte, eigenwillige Formen sind etwas Tolles, sie können den Produkten eine Seele verleihen. Da müssen wir wieder hin, liebe Gestalter, Designer, Formgeber!

Perfektes Design

Ein kleines Vogelnest auf dem Waldboden, geflochten aus Zweigen, Moos, Hunde- und Pferdehaaren, Kunststoff.
© Jörg Scholz 2019

Beim Gassigehen im Stadtwald haben wir dieses Vogelnest entdeckt. Die Vogelfamilie brauchte es anscheinend nicht mehr, denn es lag auf dem Boden. Meine Frau, meine Kinder und ich haben es als Kunstwerk der Natur bestaunt. Eigentlich ist es ein perfektes Designobjekt. Seine Gestaltung ist in erster Linie funktional: Es ist ca 10 Zentimeter im Durchmesser groß, bietet damit Platz für das ganze Gelege plus brütender Mutter. Es ist gut isoliert und schützt durch seine Bauweise vor Kälte und anderen Widrigkeiten der Natur. Verbaut wurde alles, was der Wald und seine Bewohner bzw. Besucher hergaben: Zweige, Moos, Wollfäden, Hunde- und Pferdehaare, Kunststoff … Upcycling in Reinkultur! Nachdem die Familie das Nest nicht mehr brauchte, hat sie es wieder der Natur zur Verfügung gestellt – ein Muster an Nachhaltigkeit. Obwohl die Vogelfamilie das wahrscheinlich nicht geplant hatte, ist das Nest auch wunderschön. Und so ist das mit der Schönheit von Dingen: sie entsteht automatisch, wenn die anderen Kriterien erfüllt werden. Und auch andersherum funktioniert das: schöne Dinge sind oft funktional und nachhaltig. So sollte die Arbeit eines guten Designers aussehen. Oder eines guten Architekten.

Vor Jahren habe ich mit meinem Freund Peter, der zu der Zeit noch Architektur studierte, an einem Wettbewerb teilgenommen. Es ging darum, Anzeigen für Architekten zu gestalten. Das Werbeverbot für Architekten wurde damals gerade gelockert und man suchte nach adäquaten Formen für die neue Werbefreiheit. Unser Konzept sah so aus, dass wir Bilder aus der Natur Gebäuden oder Gebäudeteilen gegenüberstellten, die diesen ähnelten. Eins davon war ein Vogelnest. Wir gewannen den Wettbewerb und damit 500 Mark. Und weil mir das schon mal Glück gebracht hat, beginne ich auch meinen neuen Blog mit einem Vogelnest.