Kippenbergers Raum

Mein Atelier im Jahr 2004

Ich würde von mir nicht behaupten, ich sei ein Kenner der Malerei. Ich gehe in ein Museum, manche Bilder sprechen mich an, andere lassen mich kalt. Das habe ich wahrscheinlich mit den meisten Nicht-Kunstkennern gemeinsam. Manchmal jedoch wird man mit einem Künstler konfrontiert, erfährt etwas über dessen Leben und betrachtet seine Werke danach noch mal auf eine ganz andere Weise. 

Nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte, arbeitete ich zunächst von zu Hause aus, meistens in der Küche. Als ich dann die ersten, eigentlich winzig kleinen, Aufträge erhielt, war es soweit: Ich brauchte ein repräsentatives Büro. Nach einigem Suchen fand ich es im Kölner Belgischen Viertel: ein Loftatelier von 170 Quadratmetern. Es ähnelte den Räumlichkeiten der Werbeagentur cayenne in Düsseldorf, wo ich einige glückliche Jahre verbracht hatte. Um mir die Miete überhaupt leisten zu können, musste ich mir Geld von der Bank leihen. Den Kredit zahlte ich noch zurück, als ich schon lange nicht mehr in diesem Atelier arbeitete. Aber ich fühlte mich dort – zumindest für kurze Zeit – als hätte ich es geschafft, als wäre ich am Ziel meiner Träume angekommen. Besucher waren immer etwas irritiert, dass ich soviel Platz beanspruchte, obwohl ich meistens alleine am Schreibtisch saß und so wenige Möbel und Geräte hatte, dass ein Bruchteil der Fläche ausgereicht hätte. 

Als ich einige Zeit später beim Vermieter im Vorderhaus meinen Vertrag kündigte, erfuhr ich, dass mein Büro früher das Atelier des Künstlers Martin Kippenberger war. Den Namen hatte ich schon mal gehört, hatte aber keine Ahnung von seinem Leben und Werk. Da mein Vermieter bei der Erwähnung des Namens ganz ehrfürchtig wurde, weckte er damit meine Neugierde. Und dann habe ich gegoogelt: In Essen aufgewachsen, oft umgezogen, einer von den „Neuen Wilden“. Er war sehr umtriebig, hat viel gemalt und noch mehr provoziert und oft für ziemlichen Wirbel gesorgt. Er trank viel Alkohol, woran er mit 44 Jahren schließlich starb. Kann man nur dann ein bedeutender Künstler sein, wenn man sich selbst zerstört? Ich hätte dazu keine Lust. Meine Geschichte ging dann auch anders weiter.

Meine Eltern. Es gibt ein bekanntes Foto von Martin Kippenberger, wo er an diesem Fenster sitzt.

In dem Kippenberger-Atelier hatte ich eine gute Zeit und viel von dem, was noch Jahre später mein Berufsleben begleitete, hatte dort seinen Ursprung. Doch als Paula auf die Welt kam, wurde ich vernünftig(er). Von dem 170-Quadratmeter-Büro zog ich in ein 8-Quadratmeter-Büro und erholte mich erst mal ein wenig, finanziell gesehen. Danach bin ich noch viermal mit dem Büro umgezogen. Fast schon Kippenberger-like.

In der Bundeskunsthalle in Bonn findet bis zum 16. Februar 2020 die Ausstellung „Bitteschön Dankeschön“ mit Werken von Martin Kippenberger statt.

Kastanien

Beim Kastaniensammeln mit meinen Kindern habe ich festgestellt, dass ich immer noch die gleiche Faszination für Kastanien habe wie zu Grundschulzeiten. Damals hatten wir einen riesigen alten Kastanienbaum auf unserem Schulhof und wenn die Zeit soweit war, haben wir uns abends dort getroffen und mit Stöcken die Kastanien vom Baum geworfen. Das hat vor allem großen Spaß gemacht, nebenbei unseren Wurfarm trainiert (wovon ich bei den Bundesjugendspielen profitierte) und uns kiloweise wunderschöne Kastanien beschert. Die haben wir dann teilweise verbastelt und den Rest in den Tierpark gebracht. Oder wir haben sie in der Plastiktüte vergessen und sie sind verschimmelt. Wenn sie noch ganz frisch waren, mit einer glatten und glänzenden Oberfläche, waren sie für mich wie kostbare Edelsteine und wunderschöne Handschmeichler. Leider hielt der Glanz nicht sehr lange an, so nach 2 bis 3 Tagen wurden die Kastanien hart, matt und schrumpelig. Und in dem Moment haben sie mich nicht mehr interessiert. Als hätten sie ihre Seele verloren. 

Vor Jahren hatten wir für Canon-Drucker im Rahmen einer Anzeigenkampagne ein Motiv mit einem Kastanientier. Ich habe vergessen, was die Botschaft der Anzeige war, aber ich weiß noch, dass das Tier nicht aus echten Kastanien gebaut wurde, sondern von einem Modellbauer modelliert und lackiert. So hatte man einerseits die Gewissheit, dass der Glanz der Kastanien erhalten bleiben würde und außerdem konnte man das Modell größer bauen, was gewisse technische bzw. optische Vorteile für das Fotoshooting hatte.

Noch eine Geschichte zum Thema Marketing und Kastanien: Seit über 80 Jahren findet bei Haribo eine Kastanientauschaktion statt. Das hat sich damals Harald Riegel in Bonn höchstpersönlich ausgedacht. Dabei kann man gesammelte Kastanien (und Eicheln) im Verhältnis 10:1 in der Haribo-Fabrik gegen Gummibärchen und ähnliche Produkte eintauschen. Haribo verteilt die Waldfrüchte dann weiter an Tierparks. Wir haben das mal gemacht, natürlich(!) den Kindern und Tieren zuliebe. Tagelang hatten wir Kastanien gesammelt, uns dann stundenlang in eine mehrere hundert Meter lange Schlange eingereiht und am Ende drei Tüten Colafläschchen und Color-Rado erhalten. Die haben wir dann im Haribo-Werksverkauf um ein paar weitere Lakritz- und Gelatine-Süßigkeiten ergänzt. Wenn man schon mal da ist.

Backen im Flow

Die meisten kennen diesen herrlichen Zustand, in dem die Arbeit scheinbar mühelos von der Hand geht, in dem man keinen Hunger, keinen Durst verspürt und man alles um sich herum vergisst. Ich erlebe das manchmal bei der Arbeit, aber es ist selten, weil jede Ablenkung (z.B. ein Anruf) einen aus diesem Zustand herausreißen kann. Häufiger erlebe ich den Flow beim Kochen. Bei einem geschäftlichen Anlass habe ich vor kurzem das Gebäck von Astrid Fleisch aus Berlin kennengelernt. Sie hat sich in Paris zur Pâtissière ausbilden lassen, in verschiedenen Sternerestaurants in Südfrankreich und Berlin gearbeitet und ist außerdem Rechtsanwältin. Die unterschiedlichen Küchlein, die ich probieren durfte, haben mir extrem gut geschmeckt, und in einem Interview mit ihr, das ich danach gelesen habe, erfuhr ich auch warum. 

Ich glaube, das ist so: Wenn man tatsächlich völlig in seiner Aufgabe versinkt, ganz in der Tätigkeit aufgeht, dann kann ein anderer Mensch das dem Produkt anmerken, schmecken, sehen, fühlen usw. (je nachdem, um was es geht). Vom Kochen sagt man ja, dass es mit Liebe geschehen sollte, damit es wirklich gut schmeckt. Das erlebe ich in meinem Job auch immer mal wieder, und das sind dann wahrscheinlich die schönsten Momente, die ein Schreibtischberuf hergeben kann. Wenn ich so richtig tief in ein Projekt versinke und etwas entsteht, von dem ich weiß, das es gut und von Bedeutung ist, dann erleben das gleiche oft auch meine Kunden. Leider sind meine Arbeiten nicht essbar. Oder doch? 

Website von Astrid Fleisch: www.astridfleisch.com

Beim Barte des Geißbocks!

Wenn man nicht nur Fan des 1. FC Köln ist, sondern auch nur einen Steinwurf vom Stadion entfernt wohnt, kommt man um manche Themen nicht herum. Ganz aktuell ist es (neben dem neuen Trainer, den neu verpflichteten Spielern und der Wiedereinführung von Bierbechern mit Pfand) das Thema Hennes, lebendiges Maskottchen des Vereins. Anfang August ist der vorherige Amtsinhaber Hennes VIII. wegen gesundheitlicher Probleme in den Ruhestand gegangen. Er war ein Publikumsliebling. Jeden, ob Freund oder Gegner, hat er mit seinem Lächeln verzaubert. War er vielleicht zu lieb? Denn erfolgreich war er während der 11 Jahre in Diensten des Effzeh nicht. Einzig erwähnenswert war die Europaleague-Teilnahme in der Saison 2017/18. Doch gleich danach folgte der Abstieg, der zweite mit Hennes VIII. Erfolgloser war nur Hennes VII., der gleich viermal den Abstieg aus der 1. Bundesliga miterleben musste. Um zu analysieren, warum manche Hennes’ erfolgreicher waren als andere, habe ich diese Infografik erstellt. Ein bisschen aus der Reihe tanzt Hennes II., der sehr kindlich daherkommt. Dieser Hennes war auch der mit dem tragischsten Ende: Er wurde von einem Schäferhund zu Tode gebissen (und nicht von Fans von Borussia Mönchengladbach vergiftet, wie damals gerüchteweise vermutet wurde). Alle anderen Hennes’ sehen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich. Was bei genauerer Betrachtung jedoch auffällt: alle Loser-Hennes’ haben so gut wie keinen Bart. Insofern haben die FC-Verantwortlichen alles richtig gemacht, indem sie den Geißbock mit dem längsten Bart aller Zeiten verpflichteten. Ich habe ihn mir gestern im Kölner Zoo angeschaut, wo er außerhalb seiner dienstlichen Verpflichtungen seine Zeit verbringt. Er sieht, ehrlich gesagt, nicht annähernd so sympathisch aus wie sein Vorgänger. Er hat einen relativ kleinen Kopf, den erwähnten langen Bart und sehr lange Hörner. Sein erster Einsatz ist heute Abend beim Heimspiel gegen Borussia Dortmund (er selbst wurde übrigens auch in Westfalen geboren). Dann wird sich zeigen ob der Bart hält, was er verspricht. Come on, Hennes IX.! 

Don‘t show esels!

Gestern waren wir mit Heidi und Gilberte unterwegs, zwei Eseln. Wer schon mal mit Eseln unterwegs war weiß, dass man ein bisschen Zeit dafür mitbringen sollte …

Vor Jahren war ich beruflich in Marrakesch. Ich war als Artdirector mit einem Filmteam unterwegs, um TV-Spots für unsere Marokko-Reisekampagne zu drehen. Wir hatten verschiedene Drehorte, diesmal waren die Souks in der Altstadt von Marrakesch an der Reihe. Dort läuft alles seit Jahrhunderten genau gleich ab, die gleichen Handwerker, die gleichen Kaufleute, die gleichen Wege, die von den Menschen zurückgelegt werden. Die Aufregung war also groß, als wir für eine Szene eine Gasse sperren mussten und die Bewohner einen Umweg von einer Gasse in Kauf nehmen mussten. Ein weiteres Hindernis war der Anspruch des anwesenden Vertreters des marokkanischen Tourismusministeriums, sein Land so modern wie möglich zu präsentieren. Das war in dieser mehr als traditionellen Umgebung schwierig bis unmöglich bzw. widersprach unserem Ziel, das Land möglichst pittoresk darzustellen. Uns gefielen z.B. die Eselskarren, die dort immer noch ein gebräuchliches Fortbewegungsmittel sind. Monsieur Jorio wies uns jedoch an: „Don‘t show Esels!“ (eigentlich sprach er sehr gut Englisch und Deutsch, er war aber ein bisschen aufgeregt). Der Spot wurde trotzdem schön. Und überhaupt: die ganze Produktion war sehr spannend in diesem nahen und doch sehr fremden Land.

Veggie Day

Neulich besuchte ich mit meiner sechsjährigen Tochter, die sich sehr für Pferde interessiert, den Pferdestall in unserer Nähe. Sie hatte ein paar Möhren dabei, um die Tiere zu füttern. Sie fragte die Besitzerin eines Pferdes mit einem männlichen Pferdenamen (das Pferd, nicht die Besitzerin!) um Erlaubnis, ihm eine Möhre anzubieten. Sie durfte, hatte allerdings großen Respekt vor dem gigantischen Tier. Der Hengst war in meinen Laien-Augen ein besonders groß geratenes Exemplar. Er nahm dann ganz vorsichtig nur mit seinen Lippen (heißt bei Pferden bestimmt anders) die Möhre aus der Hand des kleinen Mädchens. Die Besitzerin erklärte meiner Tochter, dass Pferde ja immer nur Pflanzennahrung fressen. Dieser Koloss von mehr als einer halben Tonne hatte sein Körpergewicht also allein durch vegetarische Nahrung aufgebaut! Das gleiche gilt für Gorillas, die ja auch mehrere hundert Kilo erreichen können: reine Pflanzenfresser! Und so habe ich mir gedacht, das wäre doch eine 1a-Kampagne für vegetarische Ernährung (siehe Zeichnungen, links ist ein Gorilla, rechts ein Pferd). Man sieht das prachtvolle, muskulöse Tier wie es gerade etwas tut, für das man wirklich viel Kraft braucht. Dazu die Headline. Fertig. Keiner wird jemals mehr Fleisch essen.

Picasso

Ein echter Picasso!?

Ich habe in dieser Woche im Fernsehen eine Dokumentation über die Côte d’Azur geschaut. Das traf sich ganz gut, denn in der Gegend werden wir auch einen Teil unserer Ferien verbringen. Was mich etwas verwunderte: In jedem zweiten Ort, auch im Hinterland der Küste, gibt es entweder ein Picasso-Museum, ein Atelier, in dem Picasso mal gearbeitet hat, ein Haus in dem er wohnte, einen Freund, den er mal besuchte, einen Markt, auf dem er immer einkaufte usw. Soweit ich weiß, hat er sich ja zusätzlich in Paris herumgetrieben, in Spanien sowieso. (In Barcelona war ich mal im Picasso-Museum. Dort wurden ausschließlich seine Interpretationen von einem Bild von Velasquez ausgestellt. Das müssen sehr bedeutende Bilder gewesen sein, denn ich habe noch nie irgendwo soviel Wachpersonal gesehen.) Und dann hat er auch noch 50.000 Bilder, Skulpturen, Keramiken usw. erschaffen. Man könnte also sagen, er war recht umtriebig. Dann verwundert es natürlich nicht, dass sein Auto so mitgenommen aussieht.

Sesamstraße

Genau wie ich und der Caran d’Ache 849 feiert auch die Sesamstraße in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Es war die erste Fernsehsendung, die ich als Kind sah, vielleicht sogar mein erster Kontakt mit Kultur überhaupt (abgesehen vom Vorlesen) und sie prägte mein ästhetisches Empfinden über Jahre. Hier mein Lieblingssong aus der Sesamstraße, sehr melancholisch, aber wunderschön: Tausendfuß.

Muito obrigado por tudo

Die Musik von João Gilberto hat mich viele Jahre meines Lebens begleitet: beim Autofahren, Träumen, verliebt sein, den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, den ersten fallenden Blättern im Herbst und ganz viel auch beim Arbeiten. Er war ein seltsamer Typ, der sich irgendwann in den 1950er Jahren wochenlang im Haus seiner Schwester eingeschlossen hatte und als er wieder herauskam, hatte er den Bossa Nova erfunden. Komponiert haben die Songs ja andere, er hat sie „nur“ gesungen und dazu Gitarre gespielt. Aber das hat er so behutsam und so freundlich getan, dass das Hören dieser Songs bei mir fast wie Medizin wirkte. Jetzt ist er mit 88 Jahren gestorben. (Die Zeichnung oben ist leider unvollständig. Meine Kugelschreibermine, die ich letzte Woche noch gelobt hatte, ist nun doch versiegt.)

Der Anschubser

Eindeutiger Titel, unmissverständliche Aufforderung …

Es gibt Menschen, die lernen am besten in einem Klassen- oder Seminarraum mit einem Lehrer aus Fleisch und Blut, andere schauen sich gerne Video-Tutorials an. Ich gehöre zu der Sorte, die besonders gut von Büchern lernen können. Wenn mich ein Thema interessiert und ich ein gut gemachtes Buch dazu finden kann, tauche ich in die Materie ein und sauge die neuen Informationen förmlich auf. Im Blog meiner geschätzten Kollegin Gudrun Wegener auf ihrer Website Achtung Designer wurde mir einst Austin Kleon und sein Buch „Alles nur geklaut“ (Steal like an artist) empfohlen (hier die Besprechung von Gudrun). Austin Kleon ist laut eigener Angabe ein „zeichnender Schriftsteller“, verfasst selbst einen beachtenswerten Blog und hat nach „Alles nur geklaut“ noch zwei Bücher zu ähnlichen Themen veröffentlicht. Eins davon hat mich zum Bloggen gebracht und mir klargemacht, dass Social Media nicht nur Lebenszeit verbrennen, sondern auch Spaß machen und nützlich sein kann. „Show your work“ liefert eine Strategie (oder mehrere?), wie man als kreativ schaffender Mensch Beachtung für seine Arbeit findet. 

Das Einfachste heutzutage ist: man nutzt die modernen Medien und ihre entsprechenden Plattformen, um etwas von sich zu zeigen. Wieviel das ist, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Ich bin noch blutiger Anfänger, weiß noch gar nicht, wohin mich mein Blog führen wird, ob er überhaupt eine Zukunft hat, aber das kann ich auf jeden Fall schon sagen: Das Bloggen hat mich ein Stück weiter in den kreativen Flow gebracht, es sorgt dafür, dass ich am Ball bleibe, mit noch offeneren Augen durch die Welt gehe und bewusster arbeite. Und wenn mir eines Tages ein junger Mensch sagen würde, dass meine Beiträge ihn irgendwie inspiriert oder auf eine andere Art weitergebracht haben, würde mich das sehr glücklich machen.